Meine Spanischschule bietet nicht nur Spanischunterricht, sondern auch geführte Ausflüge über mehrere Tage plus Unterricht an – für mich eine prima Möglichkeit, den Unterricht mit Exkursionen zu verbinden. Natürlich kann man auch wunderbar alleine reisen und sich jeweils vor Ort Unterricht organisieren, – aber ich habe (trotz unregelmäßiger Verben, die nur sehr, sehr ungern in meinen Kopf kommen wollen) die letzten fünf Tage genossen und hatte Kontakt zu Familien, die ich alleine niemals kennen gelernt hätte.
1. Tag
Morgens geht es früh los. Da ich nur sehr wenig mitnehmen kann, bietet Oscar mir an, dass ich mein Hauptgepäck bei seiner Schwester Maria lassen kann, die praktischerweise in der Nähe vom Flughafen wohnt. Diese Familie ist einfach supernett, ich darf mir den Garten anschauen, mit ihnen Mittag essen und mein Gepäck unterstellen. Im Garten gibt es jede Menge Pflanzen und Früchte, die ich nicht kenne, mir erklären lasse, aber inzwischen wieder vergessen habe. Früchte gibt’s in Ecuador ganz viele, die vor allem in Form von frischen Säften fast überall und zu jeder Mahlzeit getrunken werden. Auf dem Foto sieht man Maria mit ihren Kindern. Der Älteste, Marcello arbeitet in den Regenwäldern bei der Erdölgewinnung, er hat ein bisschen von seinen Arbeitsbedingungen erzählt. So wird 12 Stunden täglich gearbeitet. Untergebracht werden die Arbeiter in Neun- oder Zehnbettzimmern, die Betten werden in mehreren Schichten benutzt. Marcelo muss fünfzehn Tage arbeiten, danach hat er eine Woche frei.



Später fahren wir nach Otavalo, eine kleine, angenehme Stadt nördlich von Quito, die für ihren großen Handwerkermarkt berühmt ist. Dieser findet immer Samstags statt, aber auch heute am Dienstag gibt es jede Menge Stände mit Strick- und Webwaren, Flöten, Freundschaftsbändern und so allerlei Schnickschnack.
2. Tag
Nach dem Unterricht erkunde ich ein bisschen Otavalo, schaue mir die Menschen an und schlendere durch die Markthalle, die die tollsten Fotomotive bietet.
Die Menschen, besonders die indigenen Frauen, gefallen mir hier so gut. Sie sind schön, stolz und sehr zurückhaltend. Leider wollen sie sich nicht fotografieren lassen, was zwar sehr schade, aber verständlich ist. 
Wir machen einen Ausflug zum Condor-Park und laufen von dort aus zu den Wasserfällen, die in einer wunderschönen Anlage liegen. Für die indigene Bevölkerung sind diese Wasserfälle ein ganz besonderer Ort.
Am Nachmittag geht’s in die Nähe von Cotacachi, wo wir für zwei Tage bei einer indigenen Familie leben. Diese Familie nimmt an einem alternativen Tourismusprojekt teil und beherbergt ab und an Reisende, um ihnen ihre Kultur näherzubringen. Die Familie hat sieben Kinder, und Maria Rosa, die Mutter, wirbelt den ganzen Tag mit bewundernswert positiver Energie in Küche und Haushalt. Wir essen mit allen gemeinsam, und ich finde es sehr schön, mit insgesamt 11 Personen an einem Tisch zu sitzen. Es gibt sowohl mittags als auch abends ein komplettes Menü mit Suppe und Hauptgericht, dazu immer frisch gepresste Säfte.
Wir wohnen direkt neben der Schule, leider sind gerade Ferien, sonst hätte ich gefragt, ob ich mal mitmachen darf 🙂 Die Lehrer waren aber trotz der Ferien anwesend, so konnte ich rein und ein Foto vom Klassenzimmer machen:
3. Tag
Nach einem kurzen Abstecher in die Apotheke nach Cotacachi, in der ich mir Augentropfen besorgen muss, wollen Oscar und ich eine kleine Wanderung in die Berge machen, wo es eine Alpakaherde geben soll. Aus der kleinen Wanderung werden vier Stunden strammer Fußmarsch mit ziemlichen Steigungen, aber immerhin sehen wir für einen Moment die Alpakas in der Ferne …. Die Landschaft hier ist einfach bezaubernd!

Nachmittags gibt es dann Unterricht und abends geht man zwischen neun und zehn schlafen …..der Tag fängt hier früh an, spätestens wenn die Hähne (direkt vor meiner Zimmertür) krähen, also so gegen 5.30 🙂
4. Tag
Heute nehmen wir einen Bus Richtung Tulcan, die nördlichste Stadt Ecuadors an der kolumbianischen Grenze. Busse gibt es hier unendlich viele, sie fahren in alle möglichen Richtungen und kosten ungefähr einen Dollar pro Stunde Fahrt. Transporte sind hier sehr günstig, das Busfahren ist ganz unterhaltsam. Ständig steigt jemand dazu, der etwas verkaufen möchte, Kaugummis, Eis, warme Mahlzeiten und Tabletten gegen alles mögliche. Die Ware wird lauthals angepriesen, manchmal auch in eine Geschichte eingebettet. Und wenn gerade mal niemand kommt, werden Filme gezeigt. Der Bus quält sich die Berge hoch und runter, die Landschaft ist fantastisch.
Den Unterricht erledigen wir zum Teil während der Busfahrten, und wenn Spanisch beendet ist, versuche ich, Oscar ein bisschen Deutsch beizubringen.
Tulcan, ganz ehrlich, war die Reise nicht wert. Bis auf den wirklich sehenswerten Friedhof. Hier werden die Hecken wie Inka-Statuen geschnitten. Und da ich Friedhöfe sowieso mag, spaziere ich eine ganze Weile umher und staune.
Gegen abend fahren wir nach Los Andes, den Heimatort Oscars. Los Andes ist winzig und normalerweise sehr ruhig, doch heute ist große Fiesta zu Ehren des Schutzpatrons Bartholome.
Ich darf mit in der Hütte von Oscars Oma wohnen, was für mich einerseits wirklich absolut grenzwertig ist, andererseits einen Einblick in die Umstände bietet, unter denen sicher viele Ecuadorianer leben (müssen).
Abends geht’s zur Fiesta, ich bin die einzige Gringa weit und breit, und werde von allen sehr zurückhaltend, aber doch spürbar gemustert, von manchen auch angestarrt. Fotografieren ist hier (jedenfalls für mich) einfach nicht angesagt. Es gibt Stände, Essen und Trinken, ein Riesenrad, Kickertische und viele Straßenhändler.
Nach der Messe versammeln sich alle auf dem Dorfplatz, eine Kapelle spielt volkstümliche Musik, und nun gibt es ein Schauspiel ganz besonderer Art. Zunächst werden einige große Papierballons gestartet, die man noch lange am Himmel sehen kann. Dann tritt die vaca loca (verrückte Kuh) auf, eine Figur, unter der ein tanzender Mann steckt, und die über und über mit Feuerwerkskörpern bestückt ist. Dieses wird nach und nach angezündet. Später wird das Castillo, ein etwa fünfzehn Meter hoher Turm aus Bambusstäben, an dem ebenfalls ganz viele Feuerwerkskörper befestigt sind, angezündet, und zum Schluss gibt es ein großes Feuerwerk. An einem großen Lagerfeuer kann man sich ein bisschen aufwärmen, denn es ist hier in der Nacht wirklich sehr kalt. Die Menschen hier in den Bergen sind sehr zurückhaltend und genauso wird auch gefeiert – sehr ruhig – von lateinamerikanischem Temperament ist wenig zu spüren.
5. Tag
Am Morgen fahren wir zurück nach Otavalo. Heute ist der große Handwerkermarkt. Ich schlendere eine Weile umher, groß kaufen kann ich ja nichts. Neele habe ich einen Lamapullover versprochen, aber leider finde ich keinen der mir gefällt und ihr gefallen könnte. Nach einem ausgiebigen Frühstück machen wir uns so langsam auf den Weg zurück nach Quito.
Ich habe das Angebot von Oscars Schwester, über Nacht zu bleiben und von dort aus am nächsten Morgen zum Flughafen zu fahren. Heute ziehe ich mein kleines Guesthouse in Flughafennähe vor ….. nach fünf Tagen des gemeinsamen Reisens ist mir nach Alleinsein, die vielen schönen Eindrücke verarbeiten, zur Ruhe kommen und mich innerlich auf das absolute Kontrastprogramm einstellen, das in den nächsten Tagen auf mich zukommen wird.
In den letzten Tagen habe ich verschiedenes gelernt bzw. verstanden:
1. viele unregelmäßige Verben
2. was die Verkäuferin bei „Unterwegs“ meinte, als sie sagte, dass Wanderschuhe mit richtig festen Sohlen viel besser sind …..
3. dass nicht nur Mücken stechen (die gibt’s hier in den Bergen gar nicht, jedenfalls hab ich noch keine getroffen)
4. dass Ecuadorianer super gastfreundlich sind (jedenfalls die, mit denen ich zu tun hatte)
5. dass es nicht besonders schwer ist, alleine unterwegs zu sein