El Bolson

Gestern ( 9.11. ) hole ich gegen Mittag das Auto ab. Der versprochene Neuwagen entpuppt sich als etwas gammeliger Suzuki mit 80 000 km auf dem Tacho ….. bei der Autovermieterin hab ich sowieso ein schlechtes Gefühl, ich glaub die lügt, wo sie nur kann. Ich hab gestern schon unterschrieben und bezahlt ( ich bin blöd, ich weiß ) und hab keine Lust auf Stress. Hoffen wir, dass alles gut geht, auf jeden Fall fährt das kleine Autochen.

Ich hole schnell mein Gepäck aus dem Hostel. Der Abschied fällt leicht, weil ich mich für Freitag schon wieder in diesem netten grünem Haus angemeldet habe, diesmal aber in einem schönen Einzelzimmer unterm Dach. Dann hoffe ich auf besseres Wetter, möchte die Radtour nachholen und auf die Isla Victoria fahren, die mir von Elke und Claudia ans Herz gelegt wurde.

Auf der Routa 40 tuckere ich durch den Nationalpark Richtung El Bolson, dem legendären Hippieort 130 km südlich von Bariloche. Was für eine tolle Landschaft!IMG_2738

Am frühen Nachmittag checke ich im Hostel ein ( diesmal ist es keine ganz so gute Wahl, aber die anderen Reisenden sind sehr nett ) und schaue mir ein bisschen den Ort an. In der Ortsmitte ist heute Markt, es gibt viele Stände mit allerlei Kunsthandwerk.  Es fällt schon auf, dass sich hier viele Hippies niedergelassen haben, auch junge! Es werden Pfeifchen verkauft, Räucherstäbchen, Biomarmeladen, pflanzengefärbte Schafwollkleidung und anderer Kram. Junge langhaarige- und bärtige Männer sitzen auf den Bordsteinen, schnitzen Flöten und knüpfen Freundschaftsbänder.

Und, es gibt ganz viel Jugendliche, die an Straßenecken abhängen. Am nächsten Morgen seh ich die immer noch rumstehen, dann aber reichlich alkoholisiert. Naja, vielleicht liegt es auch einfach nur daran, dass Wochenende ist. Ganz angenehm fühle ich mich hier nicht, das habe ich in einem so kleinen Ort  nicht erwartet.

Abends koche ich wieder, sitze noch ein bisschen in der Küche und klöne. Für zwei Minuten bin ich der Star des Abends …. Ich habe ein Auto, möchte am nächsten Tag in den Nationalpark fahren und habe noch vier Plätze zu vergeben. An die Ausgangspunkte für die Wanderungen zu kommen, ist oft gar nicht so einfach, weil keine öffentlichen Busse dorthin fahren. Die jungen Leute beschließen dann aber doch recht schnell, dass sie anderes vorhaben. Mir ist das auch ganz recht…..

Am nächsten Morgen stell ich mir den Wecker auf sechs. Duschen, eben frühstücken, ab geht die Post. Ich muss ne Dreiviertelstunde Schotterpisten fahren und sehe weder Mensch noch Straßenschild ….. einerseits schön, aber wen kann ich denn nach dem Weg fragen? Auf meinen Orientierungssinn kann ich mich nicht wirklich verlassen, dass weiß ich ja.IMG_2739

Ich finde dann aber doch ganz gut den Ausgangspunkt meiner Wanderung – ich möchte zum Refugio  El Cajon Azul. In der Touristeninfo hat man mir erklärt, dass ich für einen Weg vier Stunden brauchen werde. Acht Stunden Wandern ist ja nicht nichts, zumal das Gelände nicht eben ist ….. hoffentlich schaffe ich das!

Nach einer guten halben Stunde komme ich zum Rio Azul, und ach je, ich muss über zwei Hängebrücken. Umkehren und unbewandert zurückfahren? Ne, auch blöd.IMG_2805Die erste ist für mich schon reichlich unangenehm, die zweite ist noch viel schlimmer. Abgesehen davon, dass die Bretter nicht sehr vertrauenserweckend aussehen und auch welche fehlen, wackeln und schwanken beide Brücken enorm – ich überwinde mich und hangele mich an den Drahtseilen entlang ….. immer bemüht, nicht darüber nachzudenken, dass ich eigentlich Angst habe.IMG_2804Abgesehen von den Brücken ist die Wanderung aber klasse – die Landschaft fantastisch, das Wetter toll. Da ich morgens so früh los bin, treffe ich auf dem Hinweg keinen Menschen – und finde auch das ganz, ganz schön.

Nein, stimmt nicht ganz, an einer Stelle werde ich von ( einer Art ) Robin Hood zu Pferde überholt – unglaublich. Ich glaub ich steh im Märchen. Wenn ich nicht so damit beschäftigt gewesen wäre, meinen Mund wieder zuzuklappen, hätte ich ein Foto machen können.

Nach ungefähr zweistündigem Bergauf- und ab komme ich zum Refugio „La Playita“ – einer kleinen bewirtschafteten Hütte an einem besonders schönem Platz … ich bestelle mir einen Kaffee, beiße von meinem Käsebrötchen ab und finde alles nur schön.IMG_2758IMG_2752IMG_2761Nun fehlt mir noch etwa eine Stunde bis zum Cajon Azul – dieser Teil der Wanderung ist leichter, weil er am Ufer des Rio Azul entlang verläuft, also ziemlich eben ist. IMG_2765IMG_2792Der Cajon Azul, landschaftlich einmalig gelegen, wird richtig bewirtschaftet. es gibt Schafe, ein Pferd, mehrere Katzen, ein bisschen Gemüseanbau, und jemanden, der das ganze Jahr dort wohnt. Im Sommer kommen viele Wanderer vorbei, im Winter muss es sehr einsam sein, zumal es weder Telefon noch Handyempfang gibt, natürlich auch kein Internet.IMG_2775Für mich gibt es eine kleine Pause und noch einen Kaffee, bevor ich mich wieder auf den Rückweg mache.IMG_2777Am kleinen Strand kühle ich meine heißgelaufenen Füße ( hätte ich doch Leder statt Goretex nehmen sollen? ). Das Wasser ist so kalt, dass ich nach fünf Sekunden genug Erfrischung habe. IMG_2790Unterwegs gibt es noch ein paar schöne Ausblicke:IMG_2798IMG_2745Der Rückweg kommt mir viel kürzer als der Hinweg vor, aber das geht mir fast immer so. Seltsam. Nun geht es wieder über die Hängebrücken ( seufzdolleundwiederganzvielangsthab ), den Berg hinauf und mit dem Auto zurück Richtung El Bolson. Ich bin ziemlich kaputt, aber sehr zufrieden mit diesem schönen Tag, und auch ein bisschen stolz auf mich 🙂IMG_2813IMG_2810Ich glaub, ich fang das Wandern an, das gefällt mir!

5 Gedanken zu „El Bolson

  1. Claudia

    Liebe BineKah, das mit dem Wandern… Da versuche ich ja schon seit ungefähr 20 Jahren zu vermitteln, dass das toll ist, super, dass Du jetzt auch drauf gekommen bist.;-)
    Aber gemein, dass Du schon die Möglicheit hast zu trainieren, ich fahre z.Zt ja nach wie vor nur Rad. Immerhin wird meine Schulter langsam besser. Nach Bolson habe ich es damals nicht geschafft…, es hätte mich auch sehr interessiert. Mir scheint allerdings nach Deiner Beschreibung, dass Refugien von Althippies auf der Welt alle irgendwie gleich sind, genau wie alle autonomen Zentren weltweit. Grüße aus dem schönen Herbst in HB
    Claudia

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    1. fraukareistumdiewelt Beitragsautor

      manche brauchen eben etwas länger, bis sie drauf kommen 😉 dafür befinde ich mich jetzt ja schon im Trainingslager, freue mich auf Neuseeland!

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  2. hape

    Beim Lesen kam mir zunehmend ein Lächeln ins Gesicht. Ich habe den Eindruck, dass es eine ganze Weile bleiben wird.
    Liebe Grüße
    hape

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    1. annkah

      Jesses, bist Du mutig! Ich bin auch stolz auf Dich, wie Du da am Rand der Welt herumstiefelst! Alexandra v. Humboldt, ich sags ja!

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      1. fraukareistumdiewelt Beitragsautor

        Naja, so ganz außerhalb der Zivilisation bewege ich mich ja eher selten! 😉 Aber diese Brücken, ich sach dir, die waren echt der Hammer. In echt noch viel schlimmer als auf den Bildern. Deine Alexandra

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